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Wie die Ernährung die Verdauung beeinflusst

Zunehmend mehr Menschen scheinen bestimmte Nahrungsmittel nicht zu vertragen. Alles nur Einbildung? Experten erklären, was hinter dem vermeintlichen Trend steckt
von Barbara Kandler-Schmitt, 01.08.2017

Grünkohl ist gesund, kann aber auch Blähungen verursachen

Your Photo Today/A1Pix

Laktosefreie Milch. Glutenfreies Brot. Marmelade ohne Fruktose. Histaminarmer Essig. Nicht nur Reformhäuser führen inzwischen solche Diätprodukte, sondern fast alle Supermärkte. Offenbar reagieren mehr und mehr Menschen auf bestimmte Lebensmittelbestandteile mit Durchfall, Blähungen oder Bauchkrämpfen – und weichen auf Spezialangebote aus.

Etwas nicht zu vertragen scheint im Trend zu liegen. "Man hat das Gefühl, dass ernährungsabhängige Verdauungsstörungen massiv zunehmen", sagt der Magen-Darm-Spezialist Professor Martin Storr, Vorsitzender der Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität. Zum einen entstehe der Eindruck, weil dem Thema heute so viel Aufmerksamkeit gewidmet werde. "Die Zeit, ständig in sich hineinzuhorchen und sich auf die Verdauung zu konzentrieren, hatten die Menschen früher nicht."

Störfaktoren Milchzucker und Fruchtzucker

Andererseits sei die Vielfalt der Nahrungsmittel noch nie so groß gewesen. "Und je mehr verschiedene Dinge wir essen, umso größer ist die Gefahr, etwas nicht zu vertragen."

Etwa 20 Prozent der Deutschen reagieren mit Verdauungsstörungen auf Milchzucker, bis zu 15 Prozent auf den in vielen Lebensmitteln enthaltenen Fruchtzucker. Storr ist überzeugt, dass sich viele Menschen im Grunde zu gesund ernähren. Obst, Smoothies und Honig etwa seien wahre Fruktosebomben. "Damit kann man sich richtig in die Beschwerden hineinfuttern."

Das Gewebshormon Histamin, vor allem in Geräuchertem, reifem Käse, Meeresfrüchten, Sauerkraut, Essig und Schokolade enthalten, löst schätzungsweise bei einem Prozent der Bevölkerung Kopfschmerzen, Hautausschlag sowie Durchfall aus.

Glutenüberempfindlichkeit wird überdiagnostiziert

Und Gluten, ein in vielen Getreidearten enthaltenes Eiweiß, bereitet bis zu vier Prozent der Deutschen Probleme. Die Ursache kann eine Weizenallergie sein, aber auch die Autoimmunerkrankung Zöliakie, bei der sich die Darmschleimhaut bei Kontakt mit Gluten entzündet. Doch auch ohne diese Krankheiten diagnostizieren viele Menschen bei sich selbst eine Überempfindlichkeit auf Gluten. Eine reine Modeerscheinung, finden manche Experten.

Ob tatsächlich eine Zöliakie oder eine Weizenallergie vorliegt, lässt sich nur durch einen Besuch beim Facharzt feststellen. "Die Diagnose sollte gesichert sein", sagt Professor Wolfgang Schepp vom Klinikum Bogenhausen in München.

Prof. Wolfgang Schepp

W&B/Florian Generotzky

Vor der Ernährungsumstellung zum Arzt

Von einer Ernährungsumstellung auf eigene Faust raten Mediziner ab. Da das Eiweiß in Backwaren, Nudeln, Süßigkeiten und vielen industriell hergestellten Lebensmitteln enthalten ist, bedeutet der Umstieg auf glutenfreie Kost zudem einen großen Einschnitt.

Auch Laktose- oder Fruktose-Intoleranz sollte ein Arzt bestätigen – beides lässt sich mit Atemtests diagnostizieren. "Meist bessern sich die Probleme dann durch eine Ernährungsumstellung", sagt Schepp. Bei einer Milchzuckerunverträglichkeit kann manchmal die Einnahme von Lactasepräparaten helfen.

Kauen entlastet den Magen

Aber längst nicht immer steckt eine Unverträglichkeit hinter den durch Essen hervorgerufenen Verdauungsproblemen: Blähungen beispielsweise gehen oft auf das Konto von Kohl, Zwiebelgewächsen und Hülsenfrüchten – vor allem, wenn es durch eine bakterielle Fehlbesiedlung im Dünndarm zu Gärungsprozessen kommt. Fetthaltige Speisen verzögern die Entleerung des Magens und verringern die Schließkraft des Muskels zwischen Magen und Speiseröhre. "Dann steigt saurer Mageninhalt auf und verursacht Sodbrennen", erklärt Professor Joachim Labenz vom Diakonie-Klinikum in Siegen. Eiweißreiche Lebensmittel regen zudem die Säureproduktion an.

Menschen mit empfindlichem Magen rät Labenz, die Speisen gut zu kauen: "Das nimmt dem Magen Arbeit ab." Außerdem empfiehlt der Internist fettarme Mahlzeiten und kleine Portionen. "Generelle Verbote machen dagegen keinen Sinn", sagt Labenz. "Jeder muss selbst ausprobieren, was er verträgt."

Schwer verdaulich

Es gibt viele Nahrungsmittel, die nicht jeder gut verträgt. Langfristig hilft nur ein neuer Speiseplan. Akut können Heilpflanzen wie Kümmel, Anis oder Gelbwurz die Symptome lindern.

Interview mit Professor Wolfgang Schepp, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie am Städtischen Klinikum München-Bogenhausen

Herr Professor Schepp, nehmen Lebensmittelunverträglichkeiten tatsächlich zu? Oder entsteht durch das wachsende Angebot an Spezialnahrung ein falscher Eindruck?

Unverträglichkeiten nehmen zwar zu, aber längst nicht so stark, wie man beim Blick in die Supermarktregale meinen möchte. Das Thema wird heute viel mehr beachtet als früher –und die Lebensmittelindustrie hat auf die steigende Nachfrage reagiert. Ich rate meinen Patienten aber immer, nur bei einer nachgewiesenen Unverträglichkeit auf Diätprodukte umzusteigen. Zumal diese oft sehr teuer sind.

Wie wird eine Unverträglichkeit diagnostiziert?

Bei anhaltenden Beschwerden schließen wir durch eine Spiegelung zunächst ernste organische Erkrankungen aus. Danach prüfen wir mit Atemtests und Ausschlussdiäten, ob eine Unverträglichkeit vorliegt. Ist das nicht der Fall, besteht eine rein funktionelle Störung – ausgelöst etwa durch Stress oder psychische Probleme. Interessanterweise profitieren auch diese Patienten manchmal von einer Diät.

Also gibt es eine Art Placeboeffekt?

Vermutlich. Manche Patienten steigern sich regelrecht in ihre Beschwerden hinein. Vor allem junge Frauen sind oft stark darauf fixiert, was sie alles nicht vertragen. Am Ende bleibt fast nichts mehr, was sie essen können.

Und was dann?

Dann kann psychologische Unterstützung sinnvoll sein. Manchmal ist die Erklärung aber auch ganz einfach: Figurbewusste Frauen verzehren oft viel Sorbit – einen Zuckeraustauschstoff, der in größeren Mengen Durchfall und Krämpfe verursacht.



Bildnachweis: Your Photo Today/A1Pix, W&B/Florian Generotzky

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